TSCHÜSS, MEER

Tschüss, Meer, wir hatten ein paar gute Tage,
Du hast mir wieder etwas Ruhe geschenkt.
Am ersten und am zweiten Tag warst du ganz still.
Ich stand vor dir mit dem Blick ins Unendliche,
der Horizont war keine Grenze,
sondern nur ein dünner dunkler Strich.
Viel geredet habe ich, in einen leichten Wind hinein,
der meine Worte behutsam forttrug,
wer weiß wohin, in dein geheimes Archiv des Geflüsterten vielleicht.

Geredet und geredet, dabei immer mal ein Stück gelaufen.
Spuren in nassem Sand, auf die sich später
eine Möwe setzte wie in ein Nest.
Stehen geblieben, weitergelaufen und Geschichten erzählt,
Erlebtes, Erträumtes, Bereutes und Verfluchtes,
auf die Wanderschaft übers Meer geschickt.
Am dritten Tag stumm am Strand gestanden,
die Wellen rollten leise herein mit kleinen, weißen Kronen,
der einzige Schmuck, den du anlegst.
Ich hörte auf das leise Murmeln,
das leise Aufschlagen des Wassers zu meinen Füßen.
Du redetest, ich hörte zu,
die Zeit stand still neben mir.
Wir lauschten den Weisheiten aus der Tiefe.

Und jetzt tschüss, Meer, vorbei die Zeit.
Du hast dich weit in meine Seele gespült,
dein Wasser hat mich geweckt
und mir gezeigt, dass ich einfach geradeaus gehen muss.
Die Gezeiten der Menschen sind nicht zu berechnen.
Bei meiner nächsten Ebbe werde ich wiederkommen
wie die Flut, die den trockenen Sand bedeckt.

© Copyright 2018 Jörg Reinhardt, Berlin

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VOR  VIELEN  HUNDERTAUSEND  JAHREN

Vor vielen hunderttausend Jahren, wird man vermuten,
auf ein paar kleine Gesteinsbrocken
mit einigen Rückständen zeigen,
auf denen Umrisse von Zeichen zu sehen sind,
die den großen Kollaps des Planeten überstanden haben
und immer noch die bedrohliche Aura
eines furchtbaren und gewaltigen Ereignisses ausstrahlen.

Vor vielen hunderttausend Jahren, wird man überlegen,
muss es etwas gegeben haben, das Wasser in Sand verwandelt
und Berge zum Einsturz gebracht haben muss.
Die Spuren erzählen Geschichten
von bösen Geistern und einer Rasse,
die mit unvorstellbarer Gewalt durch eine ganze Epoche gewütet ist.

Vor vielen hunderttausend Jahren, wird man feststellen,
auf alte Narben in der Erdoberfläche zeigend,
schien etwas zu existieren, dass das Gift der Welt erfunden hat
und selbst elend daran zugrunde ging.

Vor vielen hunderttausend Jahren, so kann man erfahren,
wenn hier wirklich noch einmal neues Leben entstehen würde,
geschah etwas, das nie mehr passieren darf.


© Copyright 2018 Jörg Reinhardt, Berlin

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FENSTERSPIEGEL

In der Fensterscheibe der gegenüberliegenden Wohnung kann ich mich sehen.
Einen alten Mann, der auf einem Balkon steht und eine Zigarette raucht.
Ich drehe mich um und halte mir einen Spiegel vor das Gesicht.
An dessen Rändern versuche ich mich im gegenüberliegenden Fenster von hinten zu sehen.
Aber ich bin zu weit weg.
Wenn ich näher am Fenster gegenüber stehen würde, könnte ich mich vielleicht sehen.
Aber ich bin zu weit weg von mir und dem Fenster.
Um mich sehen zu können, müsste ich näher bei mir sein.
Näher als jetzt, als gestern, vorgestern und in den letzten Jahren.
So bleibt es dabei:
Ein alter Mann auf einem Balkon, der raucht, einen Spiegel in der Hand hält und in fremde Fenster schaut.

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© Copyright 2018 Jörg Reinhardt, Berlin