FRÜHER ALS SONST

Heute morgen früher als sonst aufgestanden,
Girlanden aus Sternenstaub
vor den ausgetrockneten Augen,
aus denen in der Nacht alles Wasser
herausgeflossen ist,
das man zum Tränenbauen braucht.

Die Nacht, die böse, mit dem Flitter am Eingang,
das Glitzern der Pailletten an billigen Nuttenfummeln,
die von Neonleuchtschrift eingerahmten Türen der Hinterhöfe,
die Black Jacks in Wettsalons auf Straßen,
die im Dunkeln wie Boulevards aussehen.
Immer das Schnapsglas in der Hand,
die andere in der Tasche mit zusammengerollten Scheinen.

Die Nacht, die böse, kann immer kommen,
du bist hier, mit trockenen Augen und leeren Händen,
zu früh aufgewacht und aufgestanden,
Nachtwüstensand in der Lunge, aus dem Mund quillt Grabgeruch,
der Rest des Körpers bleibt dir fremd,
vom Hirn erwartest du Fragiles,
doch überfällt es dich mit unbekannter Leere.

Heute früher als sonst aufgestanden,
die Nacht, die böse, schläft noch an einem gemütlichen Plätzchen,
den Kopf gelegt auf ein Kissen,
gefüllt mit deinem Geld, deinem Verstand und deinen Illusionen.

© Copyright 2017 Jörg Reinhardt, Berlin

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MÄDCHEN IM CAFÉ

Der Wind braust durch die Straßen von Santa Catalina
und Regen peitscht die Menschen vor sich her.
Wolken jagen ohne beschwichtigende Versprechen
über die Stadt, zerstreuen jede Hoffnung auf einen Sonnenstrahl.

In den Cafés trifft man die Gestrandeten,
die noch einen trockenen Sitzplatz erobert haben,
und auch du, blondes Mädchen aus Las Palmas,
sitzt mit zwei Freundinnen in einer Ecke,
die ausreichend Schutz vor plötzlichen Windböen bietet.
Unberührt vom stürmisch-nassen Geschehen auf der Straße
scheinst du dich sehr gut zu unterhalten,
manchmal ziehst du deine Stirn in Falten,
lachst plötzlich wie befreit kurz auf,
als sei eine schlechte in eine gute Nachricht verwandelt worden,
bald darauf legst du deinen Kopf ein wenig schief,
hörst aufmerksam zu und es scheint,
dass nichts wichtiger ist als das soeben Gehörte.
Ab und zu schweift dein Blick durch den Raum,
eher ruhig als ruhelos, ohne etwas Bestimmtes entdecken zu wollen.
Dann wendest du dich wieder den Freundinnen zu,
denen gar nicht auffällt, dass du kurze Zeit nicht zugehört hast.
Deine Jugendlichkeit wirkt angenehm erwachsen,
gelassen, abgeklärt und stark,
sodass mancher Gast einen heimlichen Blick riskiert.
Nicht wegen deiner Attraktivität,
diese Stärke würdest du nicht ausspielen,
schönes Mädchen, das liegt dir nicht.
Sie folgen deiner ansprechenden Verbindlichkeit
mit dem natürlichen und ungezwungenen Lächeln.

Was ist dein Geheimnis, Mädchen im Café?
Wer bist du und mit welchen Geschichten kann man dich erobern?
Ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht,
eine mittelalterliche Rittersaga mit Prunk und übertriebener Dramatik?
Ein Roman aus den Ghettos
von New York, Chicago oder Rio
mit verhängnisvoller Düsternis und offenem Ende?
Oder doch eine moderne Familiengeschichte mit Happy End
und ein wenig unterhaltsamer Psychologie?
Liebst du vielleicht Hemingway oder denkst mit Pessoa?
Wir wollen hier nur vermuten,
wüssten wir es, wäre der Zauber dahin.

Wer kennt dich genauer?
Ist dein Mann ein älterer Gelehrter an der Universität?
Oder doch der junge Polizist, der in San Telmo
der alten englischen Dame beim beschwerlichen Ausstieg
aus dem Bus so freundlich geholfen hat?
Was gäbe ich für ein paar Hinweise,
die deinen Optimismus erklären würden.
Doch Geheimnisse zwischen uns Betrachtern (denn auch deine Augen forschen)
sollten bleiben, was sie sind: geheim.

Sind wir doch froh darüber, denn so können wir träumen,
Illusionen haben und kleine Geschichten erfinden.
Können uns an einen stürmischen Tag in Las Palmas erinnern,
von dem uns nicht nur die Windstärke im Gedächtnis bleibt.

Euer Aufbruch kommt plötzlich.
Schnell werden die Kapuzen der Sweat-Shirts über die Köpfe gezogen,
ein letztes Lachen, Sammeln an der Eingangstür
und ich wette, ihr geht nach links ins Corte Inglés
wie fast alle jungen Mädchen, die hier entlanglaufen.
In die Abteilung der Young Fashion oder in die Gänge mit dem Schminkzeug.
Aber – schon wieder werde ich überrascht, ihr geht nach rechts,
vielleicht nach La Cantera oder nur zur nächsten Bushaltestelle,
mit hochgezogenen Schultern, die Kapuzen bis über die Stirn,
immer noch mit dem Lachen, das langsam mit dem
Lärm der Straße verschmilzt und sich auflöst.

Drei Sommermädchen im Regen.
Am Wochenende ist Karneval, am Strand werden alle tanzen.
Da wird man sie wiedersehen.
Und eines bleibt das Mädchen im Café.


© Copyright 2017 Jörg Reinhardt, Berlin

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NACH BELEM

Du bist müde und ich lese in deinem Gesicht
den Wunsch, dem Alltag zu entkommen
und bemerke die Gier deiner täglichen Pflichten.
Trotzdem lächelst du, deine Augen verraten die Träume,
denen du dich – oft nur ein paar Sekunden – hingibst,
deren Bilder deine Müdigkeit vertreiben
und deine Kräfte, wie durch ein schnelles Wunder, erneuern.

„Wie wäre es“, fragst du, „nach Lissabon zu fahren,
auf dem Rossio einen Kaffee zu trinken,
abends durch die Alfama zu spazieren,
um Touristen auf der Jagd nach echtem Fado zuzusehen,
sich vor dem Brasileira auf den leeren Stuhl
neben Pessoas Statue zu setzen,
die Füße in den Tejo zu halten und den Straßenmusikern zuzuhören?
Oder nach Belem fahren und auf der Wiese liegen,
vor uns der Fluss und hinter uns das Kloster,
einfach in der Sonne, ohne Fragen, ohne zu reden,
nur die Wärme auf der Haut spüren?“

Deine Augen funkeln erwartungsvoll, ich sehe einen
portugiesischen Frühlingstag, eine melancholische Stadt mit ihrem Angebot,
den geraden Weg für eine Rast zu unterbrechen,
um in Ruhe nach sich selbst zu sehen.

Du denkst die Idee schon weiter und es ist,
als fühle deine Haut sich wärmer an,
ein Strahlen, das von innen kommt,
durchflutet alles hier in unserer Nähe.

Wir sollten schnell nach Belem fahren,
auf der Wiese sitzen,
vor uns der Tejo und hinter uns das Kloster.
Die Sonne hüllt uns wärmend ein, sie strahlt ihr Lissaboner Licht
auf uns, wenn wir uns zurücklegen
und ganz tief frisches Leben einatmen.

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© Copyright 2017 Jörg Reinhardt, Berlin

GENUG GELEBT

Irgendwann sagst du vielleicht: „Genug gelebt“,
weil du nicht mehr glaubst, dass es noch lange weitergeht und
weil du dich viel älter fühlst, seit du angefangen hast,
daran zu denken, dass das Leben irgendwann enden muss.
Du willst aber selbst bestimmen, wann das sein soll.
Das Ende soll dich nicht ganz plötzlich überholen. Vor dir stehen.
Dich auflaufen lassen. Am Weitermachen hindern.
Deshalb lebst du mit der Angst und die ist eine schlechte Ehefrau.
Sie bleibt. Eine Ehe ohne Scheidungsmöglichkeit. Bis zum Tod.

Also sagst du: „Genug gelebt“, wenn du glaubst,
dass der richtige Zeitpunkt gekommen ist.
Doch fügst vorsichtig hinzu: „Eigentlich“, denn du weißt, die Dauer
eines Lebens ist egal, wichtig ist der Inhalt und die Freude daran.
„Aber ja“, sagst du fingerschnippend, als träfe dich ein Geistesblitz.
Nur glauben tust du nicht so recht daran,
weil die Angst dir gerade in den Hintern tritt.
Sie ist immer neben, hinter oder über dir
und versaut so manche gute Laune.
So ist sie nun mal und du kommst dir oft vor wie ein Idiot,
stehst unter ihrem Pantoffel und die Zeit
rast mitleidig lächelnd an euch beiden vorbei.

„Genug gelebt“, beschließt deine vergrabene Krämerseele
und verzichtet auf einen versöhnlichen Deal mit der Angst.
Die feilt sich die Fingernägel
und schlägt lässig die Beine übereinander.
Manchmal ist sie sowas von gelangweilt,
doch kann sie nicht anders, weil sie keinen echten Gegner hat.
Helden sind längst ausgestorben.

„Genug gelebt.“  Dein Gequake geht unter im unwilligen Knurren des Todes,
der gerade in seiner Badewanne sitzt,
seinen geschundenen Knochen ein heißes Lavendelbad gönnt
und gar keine Lust verspürt, noch aus dem Haus zu gehen,
um einen weiteren Versager vom Dienst zu suspendieren.
Ein kurzer Anruf bei der Angst genügt, um sie zu erinnern,
dass sie ihm noch was schuldig ist.
„Gut“, sagt diese schlecht gelaunt, „bleib' ich noch ein wenig“.
So geht das. So geht Beschlüsse fassen.

„Genug gelebt.“  Das Mantra. Die neue Religion.
Der lächerliche Versuch, die letzte Entscheidung selbst treffen zu wollen.
Die Angst fällt dir nach der dritten Wiederholung ins Wort:
„Halt' endlich die Klappe!“

© Copyright 2017 Jörg Reinhardt, Berlin


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