DAS LEID DES PENSIONÄRS

So hatte er sich sein Leben als Pensionär nicht vorgestellt. Missmutig schaute er auf den Brotkorb, in den er gerade vier frische Brötchen gelegt hatte. Seine Frau schenkte ihm Kaffee ein, wünschte „Guten Appetit“ und schnitt eines der Brötchen auf. Er grummelte vor sich hin, legte die Zeitung neben den Teller und starrte auf die Schlagzeile, die langsam vor seinen Augen verschwamm. Jeder Morgen begann mit diesem Ritual. Nach dem Frühstück würde ihm seine Frau einen kleinen Einkaufszettel in die Hand drücken und die Stunden bis zum Mittagessen mit der Reinigung der Wohnung verbringen. Er würde mit der alten Jutetasche das Haus verlassen. Je nach Wetterlage standen Parkbank oder Café auf dem Programm. Da wie dort würde er alte Männer treffen, deren Gesprächsinhalte über Monate die gleichen waren. Je nach Wochentag ging er die Einkäufe auf dem Wochen- oder im Supermarkt erledigen. Pünktlich zum Mittagessen würde er zuhause sein. Sein Magen war trainiert und fing um 12 Uhr an zu knurren. Danach eine Stunde Mittagsruhe, dann, je nach Wetterlage, ein Spaziergang oder ein kurzer Kneipenbesuch, dann …
Er wollte nicht weiterdenken. „Ist was?“, hörte er aus großer Entfernung die Stimme seiner Frau. „Nein“, antwortete er mechanisch, „Es ist nichts.“
Wie wahr, dachte er, es ist nichts. Er war raus aus dem Leben, es passierte nichts mehr, jeder Morgen endete in derselben abendlichen Sackgasse. Geradeaus ohne Zwischenstopp. Die einzigen Termine, die er noch hatte, waren Arzttermine. Und jeden ersten Sonntag im Monat das Treffen der Münzsammler im Gemeindehaus. Früher hatte er nur Termine, da gab es kaum eine Lücke im Kalender. Vorbei.
„Mein Gott, was ist denn los?“ Seine Frau schaute ihn beunruhigt an. „Du zerfetzt ja das Brötchen!“
Er hatte nicht bemerkt, dass er ein halbes Brötchen immer fester mit einem Messer bearbeitet hatte.
„Entschuldigung“, presste er hervor.
Himmel, wie sollte man das aushalten? Wenn das noch jahrelang so weitergeht? Er biss  kräftig in das Brötchen, ließ die Zahnreihen dabei heftig aufeinanderprallen, spürte einen stechenden Schmerz oben links, der durch den Kiefer bis in die Nase zog. Dabei löste sich etwas aus dem Backenzahn.
„Verdammt!“, fluchte er laut. Doch dann musste er lachen. Dabei fiel ihm ein Stück Zahn aus dem Mund, genau auf das halbe Brötchen, das er noch auf Mundhöhe in der Hand hielt. Er legte es auf den Teller und lachte weiter. Dabei schien sich seine Laune im Sekundentakt ohne weiteres Zutun zu verbessern, geradezu in Euphorie zu verwandeln.
Heute würde er einen außerplanmäßigen Termin haben.

© Copyright 2017 Jörg Reinhardt, Berlin

zurück
 

KLEBEBAND

Als Sebastian feststellte, dass er lange genug auf den Geräteschuppen im hinteren Teil des Gartens gestarrt hatte, schloss er das Fenster und setzte sich an seinen Schreibtisch. Der war genauso unaufgeräumt wie sein Leben. Alles schrie nach einer Neuordnung. Warum war nur alle so aus dem Ruder gelaufen? Darüber würde er sich wohl ein paar regulierende Gedanken machen müssen. Er legte die unerledigte Post zur Seite, leerte den vollen Aschenbecher im Papierkorb und knipste die Schreibtischlampe ein paar Mal an und aus. Dann verharrte sein Blick auf dem Spender mit dem Klebeband, der in der Mitte zwischen Lampe und Postablage stand. Vorsichtig zog er an einem Stück Band, riss es aber nicht an der gezackten, scharfen Kante ab, sondern sah es nur an. Dann nahm er das Band zwischen Daumen und Zeigefinger. Es pappte am Daumen, der Zeigefinger schwebte frei. Ganz langsam löste er das Band vom Daumen ab. Der Abdruck darauf war deutlich zu sehen. Der nahm das Band wieder zwischen Daumen und Zeigefinger und streifte es auf dieselbe Weise ab. Das wiederholte er drei Mal. Auf dem Klebestreifen waren jetzt jede Menge Daumenspuren zu sehen. Er war nicht mehr ganz durchsichtig, die Abnutzung hatte ihn zerknittert und nach dem fünften leichten Daumendruck blieb er nicht mehr haften, klebte nicht mehr. Fasziniert starrte Sebastian auf das verbrauchte Stück Klebeband, das schlapp aus dem Ständer hing.

Eigenartig. Heute Morgen hatte er mit seiner Frau über die Möglichkeit einer Scheidung gesprochen. Sie war der Zeigefinger und er schien der Daumen zu sein.


© Copyright 2017 Jörg Reinhardt, Berlin

IN LAUERSTELLUNG

Ein komplett verschenkter Tag. Ein verhunzter, verlorener Tag. Das konnte keiner wieder gut machen. Lehnert starrte auf die Wohnungstür. Jungfrau geblieben. Niemand hatte sie berührt. Er ging zum gefühlten tausendsten Mal über den Flur in die Küche. Stellte sich ans Fenster und sah auf die Straße. Nichts.
Gestern war es fast so weit gewesen. Er hatte etwas zu spät auf das Klappern des Briefschlitzes reagiert. Da lag das rosa Kärtchen schon auf dem Boden. Sofort hatte er die Wohnungstür aufgerissen und hörte den Mann ganz leise den letzten Treppenabsatz hinunterspringen. Doch als er zurück in die Küche kam und das Fenster aufriss, sah er den wie immer in zweiter Spur geparkten Transporter schon anfahren. Sein Gegner war unheimlich schnell.
Heute war er vorbereitet. Um 8 Uhr hatte er seine Laufwege präpariert. Nichts stand im Weg, die Zimmertüren waren geöffnet, das Fenster mit einem Griff aufzumachen, die Gardinen zurückgezogen. Die Scharniere der Briefklappe hatte er geölt, auf dem Boden davor drei breite Streifen Staniolpapier ausgelegt. Wenn auch nur eine Postkarte darauf fallen würde, wäre das Aufprallgeräusch dreifach verstärkt zu hören. Zum Schluss hatte er sich vergewissert, dass alle Schlösser entriegelt waren.
Im Flur stand eine Campingliege, sodass er die überwiegend sitzende Position im Hauptquartier, der Küche, mit kurzen Intervallen der Entspannung auf der Liege unterbrechen konnte. Auf dem Küchentisch hatte er den Tagesproviant wie ein kleines Buffet aufgebaut. Obst, etwas Salat, Brot, Käse und eine kleine Auswahl Softdrinks. Ein Kriminalroman lag ebenso bereit wie ein Notizblock für wichtige Beobachtungen. Dann begann seine Schicht.
Erst kam die Müllabfuhr, dann nach und nach die Eltern, die ihren sperrigen Nachwuchs in die Tagesverwahranstalten zerrten, dann der Postbote. Lehnert befand sich gerade auf dem Klo und hatte natürlich die Tür aufgelassen. Er war auf das Fallen einer Briefsendung auf das Staniolpapier vorbereitet, doch ausgerechnet heute bekam er nichts.
Ab Mittag wurde es still im Haus und auf der Straße. Er machte seine regelmäßigen Kontrollgänge. Fenster, einmal durch die Wohnung, wieder Fenster und dann an den Küchentisch. Er gönnte sich nur kurze Pausen auf der Liege, weil er Angst hatte, einzuschlafen. Immer wieder malte er sich die Konfrontation mit seinem Gegner aus, flüsterte die Worte vor sich hin, die er sich zurechtgelegt hatte. Der Mann war ja Wiederholungstäter. Wenn man es genau nahm, sogar Serientäter, denn er war ja nicht der Einzige im Haus, der betroffen war. Wie oft hatte er Beschwerdebriefe geschrieben, dass man dem Übeltäter das Handwerk legen sollte, hatte genaue Ablaufprotokolle beigefügt und Daten bei den Hausbewohnern gesammelt. Immer wieder kamen die gleichen Antwortbriefe. Natürlich deckte ein so großes Syndikat seine Leute. Das war nicht anders zu erwarten. Sogar die Drohung mit der Presse ließ so eine mächtige Organisation eiskalt. Also musste gehandelt werden. David gegen Goliath. Strategie gegen Ignoranz.
Bis 17 Uhr hatte er sich diszipliniert an seinen Plan gehalten. Dann kehrten die ersten Feierabendgeräusche ins Mietshaus ein. Die ersten vom Kindergarten aufgeputschten Nervensägen prüften die Materialbeschaffenheit der Treppengeländer und fast gleichzeitig wurden mindestens drei Musikanlagen hochgefahren.
Lehnert klappte die Liege zusammen und stellte sie an die Wand neben der Flurgarderobe. Morgen nicht, übermorgen wieder. Man konnte sein Leben nicht vom Terror diktieren lassen. Schlimm genug, einen ganzen Tag zu verlieren. Wütend ging er zum Küchenfenster, öffnete beide Flügel und schaute hinaus auf die regennasse Straße. Es dämmerte. Die Parkplätze waren schon alle wieder besetzt. Von einem gelben Transporter des Deutschen Post Paketdienstes war weit und breit nichts zu sehen. Niemand parkte vor einer Ausfahrt oder in zweiter Spur.

© Copyright 2017 Jörg Reinhardt, Berlin

zurück