FASSEN  WIR  ZUSAMMEN

„Schreiben Sie bitte alles auf, alles. Am besten morgens, auch Ihre Träume. Schreiben Sie morgens, aktivieren Sie Ihren Geist und füllen Sie den Raum Ihrer nächtlichen Leere, bevor der Alltag das tut.“
Schön. Fassen wir also mal für den Therapeuten zusammen: Meine nächtliche Raumkapazität ist begrenzt, da tobt immer noch eine schwarze Mamba, die mich im Traum mit einem nicht funktionierenden Tablet erschlagen wollte, während meine Frau auf dem Sofa saß und sich von unserem Hausmeister mit Popcorn füttern ließ.
Von draußen schiebt sich jetzt ein reales Geräusch vor die Mamba. Die Stadtreinigung. Freundliche Herren in Orange jagen mit leeren und vollen Mülltonnen über das Kopfsteinpflaster. Über mir bereiten sich die zwei Kinder mit ersten Zusammenstößen auf dem Flur auf den Tag vor. Fangebrüll vom Vater, sicher erleichtert, dass das Wochenende vorbei ist und er seinen Arsch im Büro platt sitzen kann.
„Die Meditation ist das Festhalten von Gedanken. Lassen Sie denen freien Lauf, aber schreiben Sie alles auf. So durcheinander oder sinnfrei es erscheint, es hilft Ihnen, Ballast abzuwerfen.“
Die Mutti über mir hat jetzt die Stöckelschuhe an. Es folgt die Ehrenrunde über das Parkett. Dann eine zweite und dreimaliges Betätigen der Klospülung. Hintereinander. Wahrscheinlich meditiert sie auch. Der letzten Scheiße hinterher. Dann Abmarsch, die Armee bolzt durchs Treppenhaus.
Das Küchenfenster steht offen, die Müllmänner brüllen sich verschlüsselte Witze zu, die Rollen der Tonnen nehmen ihren Job ernst und rollen weiter, wenn sie schon längst abgestellt sind. Aus dem zweiten Stock kommt die erste Morddrohung des Tages.
„Wenn Sie alles fließen lassen, dann verhindern Sie Blockaden.“ Ach ja, Herr Therapeut, welche denn? Ich will mich doch bemühen, dass ich Fortschritte mache, deswegen komme ich ja zu den Sitzungen. Aber man kann sich doch nicht alles versagen. Es hat sich ja auch schon einiges verändert. Ich nehme kein Feuerzeug mehr mit, wenn ich auf die Straße gehe, und ich benutze auch nicht mehr den Flakon mit der Buttersäure. Ich will meine Nerven unter Kontrolle kriegen. Zum Beispiel jetzt, denn es klingelt. Ich weiß, dass das noch nicht der Postbote sein kann, also ist es jemand, der mir beim Stromsparen oder bei der Telefonrechnung helfen will. Mittlerweile kann ich damit umgehen. Ich sehe auch nicht mehr so viele Inder oder Pakistani, die mich fragen: „Wollen Rose kaufen?“ Da hat sich einiges zum Guten gewandt. Sehen Sie mal meine rechte Faust, die Knöchel sind nicht mehr so rot und aufgescheuert wie früher.
Das Klingeln an der Wohnungstür hört nicht auf, ich geh' da mal hin und ja, ich mache meine Atemübungen, hab' ich nicht vergessen. Es ist doch die Post. Aber nicht unser Postbote, sondern ein Mann in Postuniform. Ein Ersatz. Eine Aushilfe. Um halb zehn. Unser Postbote kommt um 12. Plus/minus zehn. Was soll das denn? Nein, ich rege mich nicht auf! Wenn die Post meint, um halb zehn kommen zu müssen, dann kann sie das tun. Freies Land, hier kann jeder machen, was er will. Unterschreiben? Bitte, sicher, gerne. Ich freue mich, ich bin zufrieden und werde es genießen, diesen Brief in der Küche im Sitzen bei einer Tasse Kaffee zu öffnen.
„Zelebrieren Sie die Alltäglichkeiten“, sagt der Therapeut, „das nimmt ihnen das Negative.“ Klar, einen eingeschriebenen Brief vom Vermieter muss man gebührend feiern, den gibt es nicht so oft.
Ich mache mir einen Kaffee und stelle ihn auf den Tisch. Zelebrieren. Also mit Untertasse und Keks. Vom Hinterhof die nächste Morddrohung. Bring' die Schlampe endlich um, dann ist Ruhe. „Halten Sie sich aus anderer Leute Angelegenheiten heraus“, sagt der Therapeut. Na klar. Ruhig, Brauner, ruhig.
Ein Messer dient als Brieföffner. Glatt aufschlitzen, nicht reißen. Schön, diese Druckschrift. Saubere Farbabstimmung, gerade Linien, angenehmer Zeilenabstand. Kurz, klar und vor allem: bündig. Ein Meisterwerk der informellen Poesie. Mit einem einprägsamen Titel: „Kündigung“.
„Kompensieren Sie auch schlechte Einflüsse in Ihrem Alltag, kanalisieren Sie Ihre Energie. Auch hier hilft Schreiben, denn dadurch ist es möglich, spontane Gedanken noch einmal zu modifizieren“, rät der Therapeut. Habe ich jetzt keine Zeit. Vom Hinterhof hört man splitterndes Glas. Die Müllmänner sind im Hinterhaus. Das Rollen der Tonnen ist …
Herr Therapeut, ich würde jetzt gerne ein Gedicht über die Rollen der Mülltonnen verfassen, glauben Sie mir, ich fühle diese poetische Lust, aber haben Sie nicht auch gesagt:
„Bei aller Umsicht und Reflektion dürfen Sie nie die Prioritäten in Ihrem Leben vernachlässigen“? Das habe ich noch genau im Ohr und die Verhinderung von Obdachlosigkeit ist eindeutig eine Priorität. Und die Mittel zur „Selbstverteidigung gegen Angriffe des Alltags auf die existenzielle Befindlichkeit“ sind genau abzuwägen. Da kann man das „meditative Moment der inneren Balance zugunsten der Faktenüberprüfung auch mal hintan stellen“, haben Sie auch gesagt. Deswegen kein Gedicht und die Rollen der Mülltonnen sind ja auch nicht wirklich so ergiebig. Da wäre der Stuhl, der gerade aus dem zerschlagenen Fenster von gegenüber geflogen kommt, schon eine ganz andere Adresse. Wissen Sie, irgendwie kommt mir ja diese Anweisung zum Schreiben so vor, als wenn man mich davon abhalten will, andere Dinge zu erledigen. Wie ein Ablenkungsmanöver. Ich meine, nehmen Sie es mir nicht übel, aber irgendwie habe ich das Gefühl, als würden Sie mit dem Vermieter gemeinsame Sache machen. Also, es ist schon seltsam, ich soll schreiben und dann kommt die Kündigung …
Aber ich unterstelle Ihnen da etwas, sehen Sie, ich reflektiere ganz vernünftig. Aber nun muss ich etwas tun. Die Nachtleere aus meinem Kopf ist verschwunden, aber keine Sorge, Herr Therapeut, ich halte mich an die Regeln. Wie war das? „Sicherung der Lebensbedingungen“ sei wichtig, haben Sie gesagt. Gut, mache ich jetzt als Erstes. Und ich lasse meinen Selbstverteidigungsbaseballschläger zu Hause, das hatte ich Ihnen ja versprochen. Der kleine Hammer ist sowieso besser. Handlicher. Das habe ich vorgestern bei meinem Besuch im Jobcenter gemerkt. So eine Computertastatur lässt sich damit punktueller behandeln und auch beim Rückzug aus bewachten Gebäuden ist er von Vorteil. Gerade bei menschlichen Hindernissen, die plötzlich zu überwinden sind, kann der Einsatz dieses kleinen Werkzeugs viel effektiver sein.
So, nun werde ich meinen Vermieter besuchen. Ich werde mich besser beeilen, denn seit gestern habe ich das Gefühl, dass der Postzusteller nicht der einzige Uniformierte ist, der mit mir sprechen will. Das hält ja auch alles auf und es ist doch wichtig, dass man die kleinen Barrieren, die eine Meditation stören könnten, vorzeitig aus dem Weg räumt. Das war ja auch eine Ihrer Empfehlungen. Und dann ist es ja auch schon wieder Zeit für unsere Therapiestunde. Da fassen wir dann zusammen, was wir haben. Wenn danach noch Zeit ist, würde ich mich mit Ihnen gerne über die Poesie unterhalten. Das Gedicht, wissen Sie, dass ich vielleicht schreiben sollte. Über die Musik der Rollen an Mülltonnen. Wir sehen uns.


© Copyright 2018 Jörg Reinhardt, Berlin

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VERSCHENKTE  TRÄUME

Dass er Schrankenwärter werden wollte, erzählte er an diesem Nachmittag. Nicht wegen der Züge. Na ja, deswegen auch, aber er war nicht so einer, der genau wusste, wie viele Loktypen es gab und wie man sie am Fahrgeräusch erkannte. Nein, so verrückt war er nicht. Ihm ging es um das Wärterhäuschen. Ein paar hundert Meter vom Stadttor entfernt. Sozusagen der Vordereingang zur Stadt. Das Wärterhäuschen war eine Station der Macht. Hier wurde entschieden, wer in die Stadt hineindurfte. Außerdem war es ein kleines Refugium, das nur dem Schrankenwärter gehörte.
Ein Schreibtisch, auf dem die Fahrpläne lagen, das Fahrtenbuch, in das die Zeiten der passierenden Züge eingetragen wurden, ein altmodisches Telefon mit einer Wahlscheibe und einem Knopf für die Direktverbindung zum Stellwerk, eine Bürolampe mit rechteckigem Schirm, ein silberner Behälter für die Schreibgeräte und ein 30 cm langes Lineal. Davor die Wand mit einer Karte der unmittelbaren Bahnhofsumgebung und gleich daneben das Fenster mit Blick auf das Gleis. Neben der Tür ein Kleiderständer für den Regenmantel und die Mütze, gegenüber der Schreibtischseite ein kleines Sofa. Darüber das Fenster zur Stadtseite mit Blick auf die Straße, die genau hier eine Kurve beschrieb und dann geradeaus in den Ort führte. Die vierte Seite des Zimmers wurde ausgefüllt mit einem kleinen Kühlschrank, einem Beistelltisch, auf dem die Kaffeemaschine stand, darüber ein Regal mit etwas Geschirr und einer Keksdose. Über dem Kühlschrank gab es noch zwei kleine Regale für Kursbücher, Erste-Hilfe-Kasten, Fernglas, Taschenlampe und weitere Kleinutensilien. Auf dieser Seite gab es kein Fenster, man konnte die Züge nicht sehen, sondern nur hören.
Der alte Mann hatte beim Nachdenken den Blick mit halb geschlossenen Augen durch das Zimmer schweifen lassen. Die Konturen der Möbel und Gegenstände waren verschwommen. Er bemerkte den jungen Pfleger, der sich auf das Sofa gesetzt hatte und gelangweilt in einer Fernsehzeitschrift blätterte. Der Körper des Alten straffte sich, seine Augen wurden klar. „Das ist ja alles ganz anders gekommen“, sagte er mit resümierender Stimme. „Aber das war mein Traum“, fügte er hinzu, „ein eigenes Reich und Verantwortung dafür, dass dieses Stückchen Welt funktioniert. Das hätte mir Spaß gemacht.“ Er schaute aus dem Fenster in einen kleinen Garten. Die Sonne stand tief, es war ein kalter Oktobertag. Eine unangenehme, nasse Kälte kündigte den November an und vertrieb das letzte Leben in den Bäumen, auf den Feldern und den Hügeln, die den kleinen Ort umgaben. Ganz weit hinten sah er die neu angelegte Bahntrasse, auf der die Züge so schnell rasten, dass man sie kaum wahrnehmen konnte. Stromlinienförmige Metallpfeile ohne Dampf und Geräusch. Noch immer aus dem Fenster schauend fragte der alte Mann: „Und du? Was hast du denn mit deinem Leben vor?“
Der Pfleger, etwa zwanzig Jahre alt, groß, schlank und mit Rändern unter den Augen, sah von der Zeitschrift hoch. „Wie? Was ich mich mit meinem Leben vorhabe?“
„Na, deine Pläne“, der Alte hatte sich umgedreht. Der Junge starrte ihn verwundert an, wirkte irgendwie abwesend.
„Berufswunsch“, fuhr der Alte fort und hatte schon fast die Lust auf eine Antwort verloren, als er in das ratlose Gesicht des Jungen sah. „Dein Lebensziel. Ein Plan“, setzte er nach. „Wo es langgehen soll, irgendeine Vorstellung?“
„Na ja“, der Junge warf die Zeitung auf den Tisch und kratzte sich am Hinterkopf. Die Geste kannte der Alte und wusste, egal was der jetzt sagen würde, es gab keinen Plan. Es ging ihn auch nichts an, aber diese Ziellosigkeit, die er oft bei jungen Menschen beobachtete, machte ihn traurig. Er vermisste die Träume, die es offensichtlich nicht mehr gab und die eine Richtung vorgeben konnten. Alles schien sich in dieser schnellen Zeit um Geld zu drehen. Wenig Arbeit, viel Geld. Die Poesie der Träume war wohl endgültig ausgestorben.
„Ich weiß noch nicht so recht.“ Der Junge strich sich über das glattrasierte Kinn. „Ich bin noch in der Orientierungsphase.“
So, in der Orientierungsphase, dachte der Alte und sagte nichts. Vor seinen Augen erschien jetzt der Hebel, mit dem man die Schranke betätigte. Drei Minuten vor Durchfahrt musste sie heruntergelassen werden. Hatte man ihm gesagt. Ob das stimmte, wusste er nicht. Wurde heute sowieso elektronisch gesteuert. Es gab keine Schrankenwärter mehr. Aber früher. Dann musste die Durchfahrt des Zuges protokolliert werden. Die Schranke musste bei Wind und Wetter funktionieren.
Das alles hatte er dem Jungen erzählt, während der in der Zeitschrift geblättert hatte. Das hatte er doch erzählt, oder? Er hatte doch laut geredet? Oder doch nur gedacht? Aber es war sowieso unwichtig. Er sah zu dem Pfleger hinüber, der eins von diesen Telefonen mit riesigem Bildschirm in der Hand hatte und hektisch darauf herumwischte. Das ist die Kommunikation heute, dachte der Alte. Plötzlich beendete der Junge die Wischerei, stand auf und ging zu dem Alten ans Fenster. Er tippte auf ein Bild auf dem Bildschirm. Es zeigte eine idyllische Landschaft. Eine große Wiese in sattem Grün, auf der eine Schafherde weidete. Kleinere und größere Gruppen über das ganze Foto verteilt. Im Hintergrund ein imposantes Gebirge, das in einen stahlblauen Himmel ragte. Es war ein Sommerbild, denn man sah auf der Wiese viele Farbtupfer. Blumen, die in voller Blüte standen.
„Eine wunderschöne Landschaft“, sagte der Alte und meinte es ehrlich, denn dieses Foto strahlte eine wohltuende Ruhe und Harmonie aus. Er blickte in das Gesicht des Jungen, der jetzt neben ihm stand. Es war total verändert. Die Augen leuchteten, die Haut hatte sich gestrafft, der bisher gelangweilte und verkniffene Gesichtsausdruck hatte einem breiten, aufrichtigen Lächeln Platz gemacht. Als hätte jemand eine Kerze entzündet. Den Jungen schienen Licht und Wärme zu durchströmen.
„Neuseeland.“ Fast enthusiastisch sprach er diesen Namen aus. „Das ist in Neuseeland. Ein Bekannter von mir ist auf einer Weltreise nicht mehr von dort losgekommen. Er ist geblieben und Schafhirte geworden.“ Seine Augen tanzten. „Das würde ich auch gerne machen.“
Da kannst du so alt werden, wie du willst, dachte der Alte, es gibt immer wieder Überraschungen. Dass dieser offensichtlich gelangweilte Aushilfspfleger ohne berufliche Perspektive gerne Schafzüchter in Neuseeland sein würde, wäre ihm nie in den Sinn gekommen.
„Hmmh“, brummte er, „Schafzüchter in Neuseeland. Das ist tatsächlich etwas ungewöhnlich.“ Draußen senkte sich die Abenddämmerung auf den kleinen Garten. Die fast kahlen Äste der Bäume verloren ihre Konturen. Der Junge seufzte, schaltete das Smartphone ab und folgte dem Blick des Alten.
„Eigentlich nicht“, sagte er ruhig, „doch der ganze Papierkram, das Geld, das man haben muss, die Ausbildung.“ Mit jeder Hürde, die er aufzählte, wurde sein Ton trauriger, fielen Fröhlichkeit und Begeisterung von ihm ab.
Die Tür vom Zimmer wurde geöffnet, eine Betreuerin betrat den Raum und rief: „Sascha, hier bist du. Ich suche dich schon die ganze Zeit. Warst du schon bei Frau Küppers?“
Bevor der Junge, der Sascha hieß, antworten konnte, hatte sich der Alte umgedreht und rief unnötig laut und ungeduldig: „Der Junge kommt gleich, Frau Küppers soll noch einen Moment Geduld haben.“ Sascha und die Betreuerin waren gleichermaßen über diese heftige Reaktion erstaunt. Sie sahen sich kurz an und nickten sich zu. Dann verließ die Frau wortlos das Zimmer. Der Alte war aufgestanden und zum Fenster gegangen. Langsam, vorsichtig und jederzeit bereit, irgendeine Hilfestellung abzuwehren. Ein Reflex im Kampf gegen den Verfall seines Körpers. Das war zwar unlogisch, aber was war im Alter schon logisch?
Er drehte sich um und sah in Saschas Gesicht, aus dem der kurzfristige Enthusiasmus von eben wieder durch Teilnahmslosigkeit ersetzt worden war. Das ärgerte den Alten und man konnte es ihm ansehen. Seine Gesichtsfarbe verwandelte sich in ein helles Rot, die Mundwinkel zuckten und er rieb sich die Hände wie kurz vor einem Arbeitsbeginn. Sascha konnte sich diesen Stimmungsumschwung nicht erklären, beschloss hinüberzugehen und ihn durch irgendeinen Körperkontakt, das Auflegen der Hand auf einen Arm oder eine leichte Berührung auf der Schulter, zu beruhigen, notfalls auch zu stützen, sollten seine Kräfte plötzlich nachlassen. Doch der Alte fasste sich schnell, faltete die Hände ineinander und ging zu seinem Sessel zurück, setzte sich und schwieg. Plötzlich zeigte er auf den Stuhl am Schreibtisch und sagte: „Rück' den mal neben mich und setz' dich. Frau Küppers kann warten. Wir schauen uns die Dämmerung an.“
Etwas in seiner Stimme duldete keinen Widerspruch. Das konnte Sascha genauso wenig erklären wie die Tatsache, dass dieser wildfremde alte Mann, den er heute das zweite Mal gesehen hatte, der einzige Mensch war, dem er das Foto von Neuseeland gezeigt hatte. Ganz zu schweigen von seinem absurden Gedanken, Schafzüchter in Neuseeland sein zu wollen.
Er nahm den Stuhl, stellte ihn neben den Sessel des Alten und setzte sich. Schweigend sahen die beiden Männer aus dem Fenster, wie der Tag die letzte graue Hürde nahm.
Sascha fuhr aus einem angenehmen Dämmerzustand auf, als sich der Alte neben ihm plötzlich mit den Handflächen auf die Oberschenkel schlug und dabei laut „Ha!“ rief. Gleichzeitig drehten sie die Köpfe zueinander.
„Warum machst du das denn nicht?“, fragte der Alte, als hätte eben eine lange Konferenz stattgefunden, die mit dieser Frage abgeschlossen werden musste.
„Was?“, fragte Sascha, der überrascht war und gar nicht wusste, was der Alte von ihm wollte.
„Schafe züchten in Neuseeland“, antwortete der. Sascha sah ihn an, als hätte er verlangt einen Kopfstand zu machen. Bevor er etwas sagen konnte, forderte der Alte ihn auf: „Zeig' noch mal das Foto!“
Sascha fingerte das Smartphone aus der Hosentasche, scrollte ein paar mal über den Bildschirm und ließ das Foto aufleuchten. Er hielt es dem Alten hin. Doch der sah gar nicht darauf, sondern in Saschas Augen:
„Du müsstest dein Gesicht mal sehen, Junge“, brummte er. Sascha nahm das Smartphone herunter, ließ es aber eingeschaltet, drehte den Kopf wieder zu dem Alten und fragte: „Was soll denn mit meinem Gesicht sein?“ „Deine Augen, Junge, deine Augen“, der Alte schüttelte den Kopf. „Wie Tag und Nacht.“ Der Junge blickte ihn verständnislos an. „Deine Augen leuchten, wenn du das Bild siehst“, erklärte der Alte, „als wenn ein Vorhang aufgezogen wird. Herrje. Wie alt?“
„Wie bitte?“
„Wie alt du bist, will ich wissen.“
Draußen klapperte Geschirr. Es war Zeit für das Abendbrot. In einer Stunde würden die ersten Fernseher ihre aufdringliche Existenz demonstrieren und den Tag offiziell für beendet erklären. Es war die Zeit des Tages, die dem Alten besonders zuwider war, weil sie so sinnlos wie langsames Sterben war. Und hier ging es um Leben.
„Gerade zwanzig geworden“, antwortete Sascha. Der Alte machte ein Handbewegung, die Sascha als abwertend deutete, aber dem Alten nur dazu diente, um die eigentliche Unwichtigkeit dieser Frage anzuzeigen.
„Und“, fragte er ungeduldig, „was weiter? Ausbildung, Schule, geniale Fähigkeiten?“
Sascha passte sich der Kürze des Verhörs an: „Schule eben, Abitur, Praktikum.“
„Ach“, sagte der Alte, „das hier ist Praktikum. Für was? Alte Leute langweilen?“ Das war schon immer so, es machte ihm Spaß, die Menschen zu verunsichern.
„Na, hab' ich doch schon gesagt.“ Sascha wusste nicht, worauf der Alte hinauswollte. Das ging ihn doch auch gar nichts an. Dass er keinen Plan hatte, dass er mal an Schauspielerei gedacht hatte, an eine Schreinerlehre, an eine Karriere als Magier oder als Goldschmied. Er wusste es einfach nicht, er war nicht so einer, der am Computer saß und sich virtuelle Orgasmen bei der Entwicklung von irgendeiner App verschaffen konnte. Eigentlich wollte er weg, raus aus diesem Wirtschaftswachstumswahnsinn. Sein Vater arbeitete an der Börse. Mit 50 hatte er seinen zweiten Infarkt und dann ab in die Kiste. Das war Warnung genug. Dieses Praktikum im Seniorenheim hatte er auch nicht aus Überzeugung angefangen, sondern weil ja irgendeine Richtung gefunden werden musste, und hier war eben die erste Station. Aber wenn er ehrlich zu sich selbst war, musste er zugeben, dass er nicht gerade der größte Menschenfreund war. Ein anderer Tätigkeitsbereich wäre wahrscheinlich klüger gewesen. Er grinste verstohlen in sich hinein, als er daran dachte, wie das wohl gewesen wäre, wenn er das beim Einstellungsgespräch gesagt hätte.
„Was grinst du so bescheuert?“ Der Alte hatte ihn beobachtet und seinen Heiterkeitsausbruch bemerkt. „Warum, zur Hölle, machst du das hier und gehst mir mit deinem dämlichen Grinsen auf die Nerven, anstatt eine vernünftige Antwort zu geben“, polterte er los.
„Das ist eine Orientierungsphase“, wiederholte Sascha vollkommen ernst, „damit ich weiß, in welche Richtung es weitergehen soll.“
„Aber die hast du doch schon, die Richtung.“ Der Alte zeigte auf das Smartphone, auf dem immer noch das Foto von Neuseeland zu sehen war.
Sascha sah den Alten überrascht an. „Sie meinen, dass ich mein Leben als Schafzüchter in Neuseeland verbringen sollte?“
„Junge, glaube mir, wenn du irgendwann mal die Menschen besser kennenlernst, kannst du in ihren Gesichtern lesen. Und der einzige Moment während unserer sehr lebhaften halben Stunde hier“, mit einem spöttischen Lächeln machte er eine kurze Pause, „wo in deinem Gesicht etwas anderes geschrieben stand als grenzenlose Langeweile, war der, als du mir das Foto gezeigt und die Geschichte dazu erzählt hast.“
Sascha sah kurz auf das Foto, auf das Blau des Himmels, der sich trotz der harmonischen Kombination so markant von dem Grün der Wiese abhob. Der Alte hatte Recht. Wenn er diese Stimmung in sich aufnahm und ihr freien Zugang zu seinen Sinnen verschaffte, dann beherrschte sie ihn, nahm ihn ein und ließ alles andere unwichtig erscheinen. Wie oft hatte er darüber nachgedacht, wie es wäre, sich von allem hier zu lösen? Von den Erwartungen, Regelmäßigkeiten, den kalkulierten Lebensabschnitten, der Vorhersehbarkeit und vor allem der drohenden, immer lauernden Unzufriedenheit? Wie oft hatte er den Absender des Fotos beneidet, weil der etwas gefunden hatte, ohne dass er es gesucht hätte? Scheiße, der Alte hatte Recht, er wusste das, deswegen ließ er ihn auch so mit sich reden. Es traf ihn nämlich genau dort, wo er es nicht wollte. Konnte ihn dabei sogar verletzen und vor allem hatte er Recht, wenn er ihm, Sascha, die alleinige Verantwortung für sein Leben gab. Eine sehr unbequeme Erkenntnis. Ein banaler Satz wurde eine nicht zu leugnende Tatsache.
Das Geschirrgeklapper kam näher, der Alte rutschte unruhig auf seinem Sessel hin und her.
„Wann musst du zu der Küppers?“, fragte er.
„Wie?“ Sascha erwachte wie aus einer Trance. „Küppers? Ach die“, er schnaubte, „das hat Zeit. Heute ist Dienstag, da hatte sie Yoga und will dann immer einen Vortrag halten.“
„Gut“, sagte der Alte, „ich muss mal pissen.“ Er stand auf.
„Soll ich ...“, Sascha wollte ebenfalls aufstehen.
„Ob du mir den Schwengel halten sollst?“, der Alte lachte. „So weit sind wir noch nicht. Wenn ich dabei Hilfe brauche, stell' ich 'ne blonde, weibliche Fachkraft ein.“ Er ging langsam zum Nachttisch neben dem Bett, wühlte in der oberen Schublade, fluchte leise und entnahm ihr drei Fotos. Er gab sie Sascha und sagte: „Schau' sie dir mal an!“ Dann ging er zur Zimmertür, riss sie auf und rief: „Marcella, Marcella, kein Essen für mich heute, ich geh' auswärts!“ Dann betrat er das Badezimmer und ließ die Tür mit einem kurzen Schwung zufallen.
Sascha schaltete sein Smartphone aus, verstaute es in der Hosentasche und schaute sich die Fotos an. Viel war nicht zu sehen. Alle drei waren auf irgendeiner Betriebsfeier aufgenommen. Vier Männer unterschiedlichen Alters, die beieinander standen. Der Zweite von links war der Alte. Auf dem nächsten Foto waren nur zwei Männer zu sehen. Wieder der Alte und der Größte von den drei anderen, wie sie sich gegenüberstehen und die Hände schütteln. Dabei hatte der Große eine Dokumentenmappe und ein kleines Päckchen in der anderen Hand. Das dritte Foto zeigte den Alten allein am Rednerpult. Mit ausholenden Armen hielt er eine Rede. Sascha schätzte, dass die Bilder etwa zehn Jahre alt waren. Der Alte hatte sich verändert, war dünner geworden, hatte jetzt ein paar Falten mehr, aber die Augen waren dieselben, sie umfassten das Repertoire von teilnahmslos bis angriffslustig. Es wäre bestimmt interessant zu erfahren, welches Thema am Rednerpult abgehandelt wurde.
Sascha hatte nicht bemerkt, dass der Alte aus dem Bad gekommen war und nun hinter ihm stand.
„Das war vor knapp 15 Jahren“, sagte er und Sascha zuckte überrascht zusammen. „Mein Abschied aus der Firma. Nach 42 Jahren.“ Er setzte sich in seinen Sessel und streckte die Beine aus. „Das da“, und er zeigte auf die Fotos, „waren 42 Jahre, die ereignislos vergangen sind. Keine Überraschungen. Alles wie geplant. Beförderungen, Haus, Familie, Urlaub. Alle Kredite abbezahlt. Dafür gab es dann eine Urkunde und einen Scheck, der gerade mal für einen neuen Fernseher reichte, und das Firmenlogo in Blech zur Erinnerung.“ Er lachte kurz auf. „Dafür musste ich mich auch noch hinstellen und vor der Belegschaft Männchen machen.“ Er deutete auf das Foto, wo er am Rednerpult stand. „Ich musste mich bedanken, dass ich jahrzehntelang Leute zu niedrigen Löhnen einstellen und wenn es gerade erforderlich war, feuern musste. Ein Leben als Prellbock, Kalfaktor und Vermittler beschissener Nachrichten.“
„Sie hatten was mit einer Personalabteilung zu tun?“, fragte Sascha und schaute sich abwechselnd die drei Fotos noch einmal an.
„Ich war die Personalabteilung“, knurrte der Alte. „Es gab nur mich. Das hatte System. Wenn es nur einen gibt, der die Verantwortung trägt, dann kann auch nur einer gehasst werden. Und wenn der dann vor Arbeit nicht weiß, wo ihm der Kopf steht, dann ist das natürlich praktischer, als wenn zwei weniger arbeiten und mehr darüber nachdenken können, warum sie so gehasst werden. Auch für die, die gefeuert wurden, war es leichter. Kann man schön die Wut auf einen konzentrieren.“
Es klopfte an der Tür, die im selben Moment auch schon geöffnet wurde. „Nein, Marcella, heute nicht, hab' ich gesagt“, brüllte der Alte, ohne sich umzudrehen. Sascha warf einen kurzen Blick nach hinten und sah gerade noch, wie die Tür schnell und leise wieder zugezogen wurde.
Beide blickten schweigend aus dem Fenster. Der Tag hatte sich fast bis auf die Ziellinie vorgekämpft.
Sascha unterbrach die Stille. „Und irgendwann aussteigen? Was anderes machen, wenn der Job so Scheiße war?“, fragte er.
Der Alte drehte den Kopf und sah ihn mitleidig an. „Aussteigen? Junge, Junge, schon mal was von Sachzwängen gehört? Du scheinst ja gar keinen Plan zu haben. Du kannst nicht aussteigen, wenn dich dein Leben überrollt. Du kannst deiner Frau, die gerade ihr zweites Kind erwartet, nicht sagen, dass du mal eben den Job gekündigt hast. Du kannst der Bank nicht mitteilen, dass du deinen Kredit weiterzahlst, wenn du in zwei Jahren aus Feuerland zurückkommst. Irgendwann tappst du in die Falle eines geregelten Lebens. Wenn du einen Sumpf betrittst, dann sind es nicht mehr viele Schritte, bevor dich der Sog nach unten zieht. Wenn du mit 40 aussteigen willst, musst du dir vorher schon einen ziemlich großen Rettungsring gebastelt haben. Aussteigen. Auch so ein Scheiß-Modewort.“ Der Alte schnaubte und starrte auf die Laterne am Eingang des Gartens. Eine einzelne Laterne, die den Eindruck machte, als wäre sie bei einem Aufmarsch der Laternen einfach stehengeblieben, um jeden Abend ihre Unabhängigkeit zu demonstrieren. Der Alte hasste diese Aussicht. Sie erinnerte ihn an die überflüssigen Zufälle seines Lebens.
Sascha hatte versucht, über die Worte des Alten nachzudenken, doch er wusste genau, dass das nichts bringen würde. Er hatte sich natürlich schon mit Lebensplanung beschäftigt und dieser kurze Einblick in das Leben des Alten war etwas, das keinesfalls zu ihm passte. Sein Dilemma bestand darin, nicht zu wissen, was er wollte. Dafür wusste er, was er nicht wollte. Das war allerdings kein Plan. Natürlich gab es Träume, Vorstellungen und ein paar Skizzen. Es gab auch das Wissen, dass seine Optionen mit den Jahren weniger werden und irgendwann gar nicht mehr existieren würden. Um es mit dem Bild des Alten zu verdeutlichen: Er stand am Rand des Sumpfes, schaute drauf und wusste, dass das Weitergehen gleichzeitig ein Einsinken war. Das sogar ziemlich lange dauern konnte. Er könnte sich aber umdrehen und auf das große Feld laufen, ohne zu wissen, was ihm dort begegnen und wo er ankommen würde.
Von draußen hörte man wieder Geschirr klappern. Diesmal kam es von der anderen Seite. Benutzte Teller, Tassen und Besteck wurden eingesammelt.
Sascha hielt immer noch die drei Fotos in der Hand, warf einen flüchtigen Blick auf das mit dem Alten am Rednerpult. „Was haben Sie denen denn gesagt?“, er tippte kurz auf das Bild.
„Nichts“, erwiderte der Alte leidenschaftslos, „ich habe ihnen zehn Minuten nichts gesagt.“ Sascha nickte. War der Alte nun verbittert, zynisch und sarkastisch? Oder einfach nur ehrlich? Wie war das, wenn man im letzten Lebensabschnitt zurückblickte? Er schaute zu ihm hinüber, der unentwegt auf die Laterne starrte. Tat das weh, im Altersheim zu sitzen und über die Vergangenheit nachzudenken? Wo waren die Familie, die Frau, Freunde, alte Kollegen? Und wollte er, der 20jährige, das wirklich schon wissen, wie sich ein über 70jähriger fühlte? Wie von selbst drängte sich ihm eine Frage auf. Obwohl er Bedenken hatte, damit anmaßend zu sein, stellte er sie: „Wie war denn das bei Ihnen? Hatten Sie Träume?“, und er schaute konzentriert auf seine Hände, als ob er fürchtete, für eine Unverschämtheit zur Rechenschaft gezogen zu werden.
„Meine Güte“, presste der Alte hervor. Die beiden Männer drehten ihre Köpfe gleichzeitig zueinander, der Alte schien zornig zu sein. „Könnt ihr Jungen denn überhaupt nicht zuhören? Das hab' ich doch schon gesagt. Ich wollte Schrankenwärter werden.“
Sascha schluckte. Ungläubig schüttelte er den Kopf. „Das habe ich nicht so richtig ernst genommen. Ich meine, Schrankenwärter als Traumberuf, das ist doch ziemlich weit weg von, von ...“ normalem Leben, hätte er fast gesagt und biss sich auf die Unterlippe.
„Hörst du dir selbst beim Denken zu, Junge, oder denkst du gar nicht? Es ist doch egal, was es war, es war ein Traum. Seinen Traum verwirklichen heißt doch nicht, dass man glücklich dabei wird.“ Mit einer trotzigen Bewegung ließ sich der Alte tief in den Sessel sinken.
Es klopfte erneut an der Tür, die im selben Moment geöffnet wurde. Himmel, dachte Sascha, hier hat man echt keine Ruhe, das war wie auf einem Bahnhof. Die Betreuerin stand im Zimmer. Wie aus einer anderen Welt kam die Stimme des Alten aus dem Sessel: „Willkommen, treten Sie ein, mein Haus ist Ihr Haus.“ Die Betreuerin schaute kurz in Richtung des Sessels. „Entschuldigung, Herr Hoppe, bin gleich wieder weg. Sascha“, sie stemmte die Hände in die Hüfte, „Frau Küppers hat sich schon zweimal bei mir beschwert, was ist denn los?“
„Ja, was ist denn los?“, kam ein Echo aus dem Sessel.
Der Junge stand auf, drehte sich um, legte vorsichtig die drei Fotos auf den Stuhl und sagte: „Bin unterwegs“, doch da hatte sich die Betreuerin schon zum Gehen gewandt, ließ aber noch ein lautes „Pronto!“ hören und schloss die Tür.
Der Alte lachte und schaute zum Jungen hoch. „Wie oft glaubst du, wirst du während einer halben Stunde bei deinen Schafen gestört? Und wie oft, denkst du, kommt während einer halben Stunde irgendjemand in ein Bahnwärterhäuschen geschneit?“ Der Alte gluckste vergnügt. Sascha wandte sich zur Tür. Darauf wollte er nicht antworten. Hoppe, der Alte hieß Hoppe. Nicht Zimmer 26, sondern er hatte einen Namen. Schrankenwärter Hoppe.
„Ich geh' dann jetzt, Herr Hoppe.“ Er zögerte kurz, bevor er das erste Mal den Namen des Alten aussprach.
„Viel Spaß bei Frau Küppers, auf gute Gesundheit“, rief Hoppe und winkte mit der linken Hand.
„Wird schon“, erwiderte Sascha und öffnete die Zimmertür.
„Ach, Junge“, Hoppe hob einen Arm, ohne sich umzudrehen. Sascha blieb in der geöffneten Tür stehen. „Da gibt es ein Märchen, das du dir mal durchlesen solltest. Es handelt von einem Bäckerssohn, der den Betrieb von seinem Vater übernehmen soll, aber eigentlich lieber in das Land der tausend Orchideen gehen will, um dort eine Art zu finden, die noch nicht gezüchtet wurde. Nebenbei kommt als Motivationshilfe noch eine schnuckelige Prinzessin dazu. Aber das ist nur Zugabe, denn dem Jungen ist im Traum das Bild von dieser besonderen Orchidee erschienen und die will er nun unbedingt züchten. Sein Auftrag quasi. Dafür lässt er die gutgehende Knabberstube seines alten Herrn sausen und hat stattdessen eine Menge Stress.“
„Und“, fragte Sascha, „schafft er's?“
„Frau Küppers wartet“, rief Hoppe vergnügt.
„Wie heißt das Märchen und wer hat es geschrieben?“, Sascha stand schon fast im Gang. In gleichbleibend fröhlichen Ton rief Hoppe: „Hab' ich vergessen, aber du hast doch einen Computer, finde es heraus.“
„Tschüss“, rief Sascha, schloss die Tür und trat auf den Gang. Er blieb stehen, zog das Smartphone aus der Tasche und wollte ein paar Suchbegriffe eingeben, da hörte er jemanden seinen Namen rufen. Er schaute auf und sah Frau Küppers am Betreuerzimmer stehen, aufgeregt winkend und offenbar sehr ungehalten. Trotzdem blieb er noch stehen. So ein Märchen gibt es nicht, dachte er, das hat der Alte erfunden. Er lief ein paar Schritte den Gang hinauf, blieb wieder stehen, immer noch unschlüssig das Smartphone in der Hand.
„Sascha!“, kam es quengelnd vom Betreuerzimmer. Er tippte auf das Fotofeld, scrollte bis zum Foto aus Neuseeland und atmete tief durch. Orchideen, dachte er, auf einer Wiese bei einem Schrankenwärterhäuschen in Neuseeland. Er schaltete das Smartphone aus und lief lächelnd zum Betreuerzimmer.
„Da sind Sie ja, Frau Küppers, ich hab' Sie schon gesucht.“


© Copyright 2018 Jörg Reinhardt, Berlin

DIE  TADELLOSIGKEIT  DES  FALLOBSTES

Man kann sie nur bewundern: die Konsequenz des Obstes. Sogar den schwankenden Klimabedingungen passt es sich an und reift je nach Wetterlage ein paar Tage früher oder später. Was der Mensch als Katastrophe bezeichnet, wenn etwa bestimmte Obstsorten später, oder gar früher, in ihr Reifestadium eintreten und dabei nur die stärksten durchkommen, ist eine natürliche,
flexible Handhabung ihrer genetischen Möglichkeiten. Bis zum ausgewachsenen Obst braucht es genau so lange, wie die Natur dafür vorgesehen hat. Natürlich gibt es eine Selektion, nicht umsonst erfand der Mensch den Spruch „Nur die Harten komm' in Garten“, aber das Obst macht seinen Job und erscheint in voller Pracht, bis die Trennung vom Baum das Ende markiert. Der Mensch nennt diesen Moment „Ernte“. Doch nicht jedes Obst wandert in die Fangkörbe, vieles bleibt an den Bäumen, weil es niemandem gehört, keine Erntekräfte für Dumpinglöhne zur Verfügung stehen oder sonst jemand, der Verwendung für die Früchte hat. Dann altert das Obst am Baum, bekommt Falten und die Muskeln ziehen sich zurück, es wird immer kleiner und schwächer. Sieht einfach nicht mehr gut aus mit den Runzeln und den Altersflecken. Nachdem ihm das klar geworden ist, beschließt das Obst zu sterben und seinem Ernährer, dem Baum, der von dieser ganzen Tragerei  auch ein wenig Erholung braucht, nicht mehr auf die Nerven beziehungsweise Äste zu gehen. Also sagt es leise „servus“, vielleicht auch „danke“, stirbt, löst sich mit der letzten Kraft ab und fällt auf den Boden. Dann nennt man es Fallobst, irgendwann wird es zusammengekehrt und begraben, damit neues Leben aus ihm entstehen kann.
Das ist tadelloses Verhalten, zeugt von sozialer Kompetenz und gesellschaftlichem Verantwortungsbewusstsein. Ganz anders als beim Menschen, dessen Drang, die Fallobstphase zu verhindern, seinen sozialen Egoismus nachdrücklich dokumentiert.

© Copyright 2018 Jörg Reinhardt, Berlin

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