GERÄUSCHDOKUMENTE

Mit geschlossenen Augen am Küchenfenster
der Morgensinfonie des Hinterhofs zuhören:
Das Zetern des Rentnerpaares,
asthmatisches Keuchen aus dem Parterre,
ein dumpfer Schlag von gegenüber,
gefolgt von einem unterdrückten Schmerzensschrei,
das trotzige Brüllen eines Kindes,
begleitet vom Stöhnen eines flüchtigen Liebesakts.
Musikfetzen. 
Staccatosätze oder Befehle?
Alles auf kurzer Distanz in einem Vakuum aus
vier Mauerblöcken unter einem grauen Großstadtdach.
Verglaste Löcher, die geöffnet sind,
um Geräuschdokumente mit abgestandenem Geruch
zu versehen. Der Lautstärkepegel geht tagsüber
nach unten, um am Abend anzusteigen,
wenn alle wieder in ihren Käfigen sind, um den
unterdrückten Gefühlen des Tages freien Lauf zu lassen.
Wenige, die es schaffen, sich zurückzuziehen,
um sich auf das zu besinnen,
was von ihren Träumen übrig bleibt.

Die Geräusche eines Hinterhofs
erzählen vom aussichtslosen Kampf gegen etwas,
das der Mensch nicht kennt
und dem er nur selten auf die Spur kommt.
©2021 by Jörg Reinhardt, Berlin

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