ALLES  IM  KOPF

Wenn das jemand hören könnte.
Die Reden, die ich im Kopf habe,
die Gespräche, die ich mit Phantomen führe,
Manifeste, die ich entwerfe
und mit Vehemenz zur Theorie erhebe,
die Logik, um die ich mich bemühe,
die klare Darstellung meiner Gedanken,
die ich bis zur Perfektion ausarbeite.

Alles in meinem Kopf, jeden Tag
ein Aufbegehren gegen Ungerechtigkeiten und Willkür,
mutige Kämpfe gegen Kapitulation,
Argumente finden und belegen,
überlegtes Taktieren und nie den Überblick verlieren.

Doch alles bleibt in meinem Kopf gefangen
und kommt nie ans Licht.
Es rebelliert und zerreißt mich
in langen Nächten und an Tagen,
an denen sich die Gedanken
in ihrem Käfig wälzen,
von der Wirklichkeit gequält und
einem Schmerz unterworfen,
der nicht herausgeschrien wird.

Gedanken sollten sich immer und überall entfalten.
Wenn alles im Kopf bleibt,
haben wir viele überfüllte Gefängnisse
mit Schlössern ohne Schlüssel und
Freiheit ohne Türen.

Lassen wir die Gefangenen entkommen.

©2020 by Jörg Reinhardt, Berlin

zurück