LANGEWEILE

Vögel fliegen in Zeitlupe über die Häuser.
Müdes Gezwitscher ohne Melodien, gepiepst aus blassen Schnäbeln.
Ein kurzatmiger Wind bläst halbe Stöße durch den Raum.
Feuchtwarme Stadtluft lastet auf den Dächern,
deren Schornsteine wie abgetakelte Schiffsmasten
beliebig über die Häuserdächer ragen.

Das Pfeifen eines Wasserkessels bricht durch das Gebrumme
der zusammengekehrten Geräusche, die sich durch die Straßen wälzen.
Man kann das brodelnde Wasser hören und wie es seine Schmerzgrenze verkündet.
Der Tag wird dadurch nicht wichtiger
und seine Ziellosigkeit nicht aufregender.

Wenn ihn die Nacht ablöst, bleibt der fade Geschmack der Verschwendung
und das klebrige Gefühl, am nächsten Tag
denselben Fraß noch einmal vorgesetzt zu bekommen.

Wann so etwas beginnt, willst du wissen.
Wenn man das so genau bestimmen könnte.
Die Beliebigkeit, Wiederholungen und gestorbenen Vorsätze,
die Annäherung von Wollen und Verzichten,
das Verschwimmen von Traum und Wirklichkeit.

Das beginnt mit den Vögeln, die in Zeitlupe über Häuser fliegen.
Mit blassen Sonnenaufgängen und verschwommener Dämmerung
und dem Gefühl, sich selbst nicht mehr sehen zu wollen,
weil man von dem, was nicht stimmt, angestarrt werden könnte.
Da reicht ein vorwurfsvoller Blick
und schon ist man gefangen, bis man aufgibt
und in die maßlose Langeweile einer Illusion versinkt.

Die Häuser, Städte und der Himmel.
Die Träume, Wünsche und der Verzicht.
Alles verschwindet, wenn sich Gefühle keinen Weg mehr
durch die endlose Langeweile der Mittelmäßigkeit bahnen können.
Die Sonnenstrahlen, die dann eine Tür zur Flucht suchen,
kommen nicht wieder, weil alle Augen geschlossen sind.

©2020 by Jörg Reinhardt, Berlin

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