ES  IST  SCHON  SPÄT

Wenn du im August schon an den Oktober denkst
und auf einen bunten Herbst hoffst,
mit Farbenspiel im Wald,
goldenem Abendlicht auf den Feldern
und morgendlicher Nebelmelancholie auf dem See,
dann ist es schon spät, weil du weißt,
dass dein Herbst jedes Jahr etwas früher kommt.
Mit ihm der November, die Stürme, die nasse Kälte
und dunkle Wolkenberge am Himmel.
Der Dezember droht mit großer Einsamkeit
im künstlichen Licht des weihnachtlichen Gauklerfestes,
es folgen der Januar und Februar
mit eisiger Tristesse und zufälligem Schneegestöber.
Mit dem März und jedem lauen Luftzug
erwacht die Hoffnung auf die Rückkehr des Lebens,
die du glaubst im April sehen zu können,
wenn sich Wiesen, Bäume und Blüten
dem Licht und dem ersten Wärmehauch hingeben,
um im Mai die Wiederauferstehung zu feiern.
Durch die Frühsommernächte wirst du tanzen
und für Stunden oder Tage vergessen,
was ein Jahr mit dir gemacht hat.
In der Hitze des Juli stellst du fest,
wie kurz die Zeit der Vorfreude auf den Sommer war
und wie lang die Zeit des Wartens.

Es ist schon spät, wenn man mitten im Sommer
an den nächsten Frühling denkt.

©2020 by Jörg Reinhardt, Berlin

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