DER  MANN,  DER  VORBEIGEHT

Der Marktplatz ist voller Leute.
Sie stehen und warten
vor einer großen Bühne auf den Redner.
Einzelne Schilder und Tafeln mit Parolen
werden hochgehalten, Fähnchen geschwenkt,
ab und zu skandieren kleine Gruppen Unverständliches,
um wieder in Gemurmel zu verfallen,
das dem Summen in einem Bienenkorb gleicht.

Der Mann läuft am äußeren Ende des Platzes vorbei,
ohne dem Geschehen Beachtung zu schenken,
überquert die Straße und geht zügig durch einen kleinen Park.
Er weicht allen Passanten aus,
hält kurz an, wenn er an eine Weggabelung kommt,
um dann noch energischer geradeaus zu schreiten.
Am Ende des Parks geht er durch ein Tor,
orientiert sich kurz und entscheidet sich,
nach links abzubiegen und der Straße
in dieser Richtung zu folgen.
So läuft er fast zwei Stunden, er weiß nicht genau,
wie lange. Er läuft, ohne anzuhalten, immer geradeaus,
nur mit seinem Schatten, der ihn wie ein Komplize
begleitet. Er fühlt nichts, aber genießt die Gewissheit,
an nichts beteiligt zu sein, keiner Gruppe
oder Bewegung anzugehören. Er hat kein Ziel,
nichts geht ihn etwas an, er läuft, ohne Ballast
aufzunehmen, gedankenlos, nur mit seinem Schatten,
der ihn nicht aufhält.

Er erreicht eine U-Bahn-Station,
geht die Treppen hinunter und entschließt sich,
auf dem Bahnsteig einen Moment stehenzubleiben,
um sich auszuruhen.
Er stellt sich in Fahrtrichtung und blickt
seinem Schatten hinterher, der ihn überholt hat
und in einer schwarzen Tunnelöffnung verschwindet.

© 2026, Jörg Reinhardt

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