WESTGATE

Das muss gegen halb sechs morgens gewesen sein.
„Sir“, sagte eine freundliche Stimme,
„Sir, wake up.“
Meine Augen verklebt. Erster Impuls:
„Wo bin ich?“ Für „Warum?“ blieb keine Zeit.
Es war Sand. Ich lag im Sand,
mein Kopf flog meilenweit über mir.
Nur Himmel und ein paar Wolkenfetzen.
Rauschen und es war nicht das Blut in meinen Ohren.
Es kam von vorne. Ich hob die Kiloware auf meinem Hals.
Da war Wasser und es kam direkt auf mich zu.
Zwei Männergesichter mit seltsamen Hüten auf hohen Stirnen
versperrten mir die Sicht und verschwanden wieder
aus meinem Blickfeld, nur eine Stimme hielt sich über mir,
laut, dann vom Wind zerstückelt:
„Get up, tide's coming in.“ Plötzlich verschwand alles,
das Wasser erreichte meine Füße, mein Hals schmerzte
und ich spürte die Feuchtigkeit an meinen Sohlen.
Neben mir eine leere Gallonenflasche.
Deren Inhalt brannte in meinem Magen,
meine Füße waren nass, Wellen tanzten,
hinten am Horizont spazierten zwei Frauen,
es waren Nachtfrauen von gestern, ich drehte mich und
stützte mich auf die Ellenbogen,  die Knie knickten ein
und meine Stirn schlug auf den feuchten Sand.
Ich robbte zu den Steinen, einer Mole oder Treppe,
was weiß ich, zog die nassen Füße durch den Sand
wie ein Lahmer und hörte die beiden Männer
mit den seltsamen Hüten lachend in Richtung Pier gehen.
Zwei Polizisten hatten mein Leben gerettet,
Im Sand von Westgate
musste ich einiges neu überdenken.

Aus „Tageswörter“, ©2022, Sisyphus-Verlag, Klagenfurt


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