ES  WEIHNACHTET  SEHR …

Es kommt die Zeit der Herrlichkeit, die frohe Kunde aus Bethlehem,
dass ein Kindlein dort geboren, das Frieden auf die Welt bringt,
den Menschen ein Wohlgefallen und den Ladenkassen süßen Klingelton.

Glänzende Kinderaugen vor blinkenden Lichterketten,
Goldpapier und Silberstaub, Engelsgesänge aus den Tempeln des Konsums,
Lieder und Glockengeläut aus allerneuester Software.
Girlanden und funkelnde Rehe in Lebensgröße
aus chinesischem Kunststoff vor den Eingängen der Einkaufskirchen.

Der Duft der Weihnachtszeit zieht durch die Fußgängerzonen.
Monströse Heizpilze stehen neben leeren Weinfässern, auf denen sich Pappteller
mit meterlangen Bratwürsten, Resten von Champignonpfannen,
Grünkohl, Germknödel und Waffelruinen türmen.
Der Geruch von billigem Glühweinfusel vermischt sich mit dem von gebrannten Mandeln.
Der Anblick triefender Kindernasen und die Gesichter der Erwachsenen,
deren Mägen kollabieren, gehört zum Fest wie der locker sitzende Euro
für den Penner, der im Rest des Jahres als störendes Element im Stadtbild geächtet wird.

Es ist die Zeit des fröhlichen Treibens auf den Märkten.
Man trifft Tausende rot-weiß gekleidete Teilzeitjobber,
die ihren Text „Hohoho“ in Endlosschleife wiederholen und
ungestraft kleine Kinder auf dem Schoß haben dürfen.
Ab und zu fließen Tränen, denn so mancher weihnachtsmännische Mundgeruch
würde auch die begeistert fotografierenden Eltern zum Weinen bringen.

Karussell, Geschrei und Wumtata, die Luft hat keine Balken.
Aus allen Richtungen fließen besinnliche Töne zusammen und
verschmelzen zum festlichen Chaos.

Die Freude gilt der Geburt des kleinen Jesus.
Die Märkte sind Zentren christlichen Frohsinns,
begrenzt von Betonpollern und festlich geschmückten Drahtkörben,
die mit mit Steinen und Sand gefüllt sind,
um des Teufels Wagen aufzuhalten.
Viele Polizisten in hübschen, kugelsicheren Westen,
die Maschinengewehre im Anschlag, feiern mit,
spazieren herum und schützen uns vor dem Übel,
wenn sie es denn sehen können.
Überall auf den Tannenspitzen
sieht man kleine Drohnen sitzen.

Fest der Liebe und Barmherzigkeit.
Freue dich, freue dich, o Christenheit.
Es weihnachtet. Ja ja.


© Copyright 2018 Jörg Reinhardt, Berlin

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