Handcreme

Frau Bärlein ist Stadtbäckerin. Morgens um 6 ist ihr kleiner Laden voll mit Ware. Mittags ist schon wieder viel Platz in Vitrine und Fächern. Ab 16 Uhr gibt es nur noch Kaffee aus der Thermoskanne und Gebäck vom Vortag zum halben Preis. Frau Bärlein ist Künstlerin und ihre Werke sind begehrt.
Ich favorisiere ihre Streuselkuchenvariation, die in mir poetische Schwingungen erzeugt. Goldgelbe Hügel mit weißen Zuckerrändern wie Neuschnee auf einem angefeuchteten, aber festen Teigboden. Wie ein frischer Frühlingswind umschmeichelt das sparsame Vanillearoma meine Nase, während ich ehrfürchtig mit dem Zeigefinger auf die kristallklare Glasscheibe des Kuchenbuffets zeige, hinter der die vollendete Versuchung ein lautloses „Nimm mich!“ in meine Sinne implantiert.
Doch jeden Tag muss ich dieselbe Hürde nehmen, um das Ziel meiner Wollust zu erreichen. Frau Bärlein beschränkt sich nämlich nicht auf eine kurze, freundliche Begrüßung oder Kopfnicken, denn sie will jedem Kunden die Hand schütteln. Das ist ungewöhnlich in einem Geschäft, in dem die Laufkundschaft anderenorts schnelle Deals macht. Aber seit ich auf dem Land lebe, musste ich meine Definition von „normal“ modifizieren. Im Prinzip habe ich nichts gegen das Begrüßungsritual des Händeschüttelns, aber Frau Bärlein hat sehr große Hände und die haben durch jahrzehntelanges Teigkneten eine eigene Druckausübung entwickelt. Kurz: Frau Bärleins Händedruck ist angsteinflößend, besonders, wenn sie sich freut jemanden zu sehen. Sie mag mich, was mir schmeichelt, aber das äußert sich in der Kompressionssstärke und Dauer der Begrüßungszeremonie. Was noch erschwerend hinzukommt: Frau Bärlein benutzt Handcreme. Sehr viel Handcreme, sodass die Hände geschmeidig bleiben und feucht sind. Das lässt die Sorge aufkommen, dass sie auf dem Höhepunkt ihrer Kraftanstrengung, um meine Hand besonders freundlich zu drücken, an ihr kleben bleibt. Krampfartig. Im Augenblick höchster Intensität. Das wäre dann ein hoher Preis für das butterige Streuselvergnügen.
Doch noch überwiegt meine Gier. Allerdings würde ich mir wünschen, dass sie die Dosis Handcreme reduziert. Aber das traue ich mich nicht zu sagen, denn ich habe Angst, dass sie mich dann auf einen kalten Entzug setzt.
Also werde ich weiter jeden Tag mit meiner Sucht umgehen und das Risiko bei der Drogenbeschaffung auf mich nehmen. Angst essen Streusel auf. So weit wird es nicht kommen.


aus „Tageswörter“, erscheint am 15.4.2024,
©2024, Sisyphus-Verlag, Klagenfurt


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