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DRAUFLOS LEBEN Einfach nur drauflos leben. Was für ein Tag ist heute? Egal. Ich schalte die Nachrichten ab, das Gesülze nervt kolossal und mein Rücken will mir schon die Laune verderben, da muss ich nicht noch über den letzten Bombenabwurf nachdenken. Der Mensch bleibt Mensch, sang mal ein kluger Zeitgenosse, das ist richtig, denn Mensch ist gleich Zerstörer und da muss ich nichts mehr fragen, brauche keine Antwort von denen, die noch nicht mal Fragen stellen. Ich beiße in eine 200-Gramm-Tafel Schokolade, fördere Karies, während neben mir an der Bushaltestelle eine Frau niedergestochen wird. Sie fährt nun im Sommer nicht mehr in den Urlaub und ich fahre mit dem Bus aufs Land, tief Luft holen, die Hasen auf dem Feld beobachten, die da einfach nur herumhoppeln. Denen ist es ganz egal, ob sie Männchen oder Weibchen sind, und die müssen auch keine Sprachkurse besuchen. Bei Überschwemmungen sind sie ganz schnell weg. Hoppelnde Ohren, hübsch. Ich kaufe mir ein Eis mit vielen, leckeren, künstlichen Aromastoffen aus dem Chemiewerk, wo aus Schornsteinen weißer, ungesunder Rauch aufsteigt. Freue mich über einen Kokainfund gestern auf einem Schiff, das aus Peru gekommen ist. 100 Kilo auf dem Weg nach Rotterdam. Eine schöne Stadt übrigens, wenn die Sonne scheint. Wäre schade, wenn da eine Bombe drauffallen würde. Das ist jetzt ein Gedicht. Ich schreibe, während ich auf einem Baumstamm sitze und eine Pause mache, um mit einer Gruppe Ameisen ins Gespräch zu kommen. Es heißt „Bomben auf Rotterdam“, damit würde ich reich und das würde mir überhaupt nichts ausmachen, denn das Leben geht weiter. Ich bin jetzt 72, das ist noch kein Alter und niemand verlangt, dass man über den Tod nachdenken soll, denn das ist so lästig wie die Aktienbörse, es geht rauf und runter und immer regt man sich auf, weil nie Ruhe einkehrt. Dann verreist man und regt sich dort auf, weil es überall dasselbe ist, die Welt im Hamsterrad und da rennen die Menschen (ach, die Menschen, immer sind sie überall im Weg) in verschiedene Richtungen und wundern sich, dass sich das Rad nicht so recht bewegen will. So entstehen Meinungsverschiedenheiten, die zu seriösen Feindschaften oder gleich zu Kriegen werden und hinterher muss man dann wieder alles aufräumen und neu aufbauen. Das dauert seine Zeit, kostet viel Geld und wieder sind alle unzufrieden, reden nicht miteinander, statt mal eine schöne Dampferfahrt zu machen, ganz nostalgisch, mit Kartoffelsalat und Würstchen, danach ein Stück Kirschstreuselkuchen mit Sahne und dazu spielt einer Akkordeon auf dem Oberdeck Schunkel- und Volkslieder wie damals, als die Oma am lautesten mitsang. Wenn ich wirklich mal Langeweile habe, lege ich mich aufs Sofa und trainiere. Das Nicht-Denken. Das kann man üben. Sich ruhig verhalten und nichts denken. „Null-Meditation“ nenne ich das. Keine Erinnerungen, keine Sorgen, keine Zukunft. Daliegen und atmen. Einfach nur leben. Alterslos, gedankenlos, willenlos. Die Zeit abstellen, aus dem Fenster schauen, feststellen, dass die Welt noch da ist und man selbst mittendrin. Kein Grund, keine Rechtfertigungen, kein Punkt, den man „Anfang“ oder „Ende“ nennt. Alles ist eins in diesen Momenten und das ist das Unabhängigste, das man wahrnehmen kann. Das ist, wenn man bis dahin gekommen ist, Freiheit, und man muss diese Zeiteinheiten einfach aneinander reihen. Einfach nur drauflosleben. © 2026, Jörg Reinhardt
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