BESUCH  VOM  FRIEDEN

Wie in einer Therapiegruppe sitzen sie im Kreis,
um individuelles Unwohlsein
kollektiv aus dem Weg zu räumen.
Es ist ein leises Gespräch, nur manchmal
wird ein Satz laut herausgerufen, doch schnell
herrscht wieder eine verschwörerische Stimmung,
als würden versteckte Mikrofone alles aufnehmen.

Die Gesichter sprechen für sich. Hochgezogene Augenbrauen,
tiefe Falten auf Stirnen, die Münder
zu geraden Strichen zusammengepresst.
Eine Versammlung, in der Hoffnung und Zuversicht
offensichtlich keinen Platz mehr finden.

Sie reden über das, was sie wissen.
Die Fakten sind nicht neu und bestätigen
eine Wahrheit, die lange Zeit verdrängt
und nun nicht mehr zu leugnen ist.

Sie leiden.
Weil es keine Visionen mehr gibt,
die in der Vergangenheit noch
für einen neuen Aufbruch standen.
Sie leiden,
weil ihr Wissen keine Visionen mehr zulässt
und die Wahrheit zur letzten Instanz geworden ist.
Als Gewinnerin eines Krieges, der im Schatten von Verschwendung
und Leichtgläubigkeit gar nicht stattgefunden,
sondern sich gut getarnt als Wohlstand und Fortschritt
von einer Stufe zur nächsten geschlichen hat.

Es tut mir weh und ich will etwas tun.
Ich will mit ihnen reden,
ihnen versichern, dass der Glaube an mich
nie verschwendet war.

Sie erkennen mich sofort, als ich mich
in die Mitte ihres Kreises setze.
Betretenes Schweigen,
krampfhaft ineinander gefaltete Hände,
Blicke zum Boden, als lägen dort die Worte,
die man einem lange erwarteten Gast
zur Begrüßung sagen könnte.
Stattdessen sehe ich nur Gesten des Erkennens
und bei einigen ein kurzes, verlegenes Lächeln.
Mehr nicht.
Keine Freude oder erleichtertes Aufatmen.
Das Wissen um die Wahrheit verhindert
jede Chance auf einen Neubeginn.
Es fehlt der Mut und die Kraft,
einen letzten Marathon zu laufen.
Nur noch Resignation und Kapitulation.
Sie leiden und es tut mir weh.

Bin kein geübter Redner und spreche nicht oft.
Man sagt mir nach, dass meine Stimme
warm und freundlich ist, aber trotzdem
energisch und entschlossen.
Ich will an die, die immer an mich geglaubt haben,
ein paar Worte richten.
Sie werden nicht helfen, aber ich fühle mich dazu verpflichtet:
„Ich habe es versucht. Habe mich mit
dem Krieg an einen Tisch gesetzt,
mit dem Klima und der Natur geredet,
mit Gott telefoniert und
Bier mit dem Teufel getrunken.
Alle waren nicht abgeneigt, euch zu unterstützen.“
Kurzes Kopfnicken in der Runde,
dann schauen alle wieder auf den Boden.
„Aber ihr habt immer weitergemacht,
den Krieg gezwungen, für euch
die Drecksarbeit zu erledigen,
die Natur geschlagen und gequält,
wo immer sie in Ruhe
ihren Aufgaben nachkommen wollte,
das Klima durchlöchert und zerfetzt,
Gott habt ihr verlacht und der Teufel
hat kein Interesse an Seelen,
die schwärzer sind als das Eingangstor
zu seinem Palast. Mit anderen Worten:
Euch will keiner haben, ihr macht mehr kaputt,
als wir zusammen es könnten, und vor allem -
ihr zerstört, was euch nicht gehört.
Deshalb habe ich beschlossen,
nicht mehr zu euch zurückzukommen, denn nur so
gibt es die Möglichkeit, dass das vollständig verschwindet,
was diese Situation erschaffen hat – ihr selbst.“

Einer flüstert: „Wir wissen das.“
Dann stehen alle auf und gehen,
noch einmal dreht sich einer um und sagt:
„Es war schön, dass du da warst.
Es war gut, dass du uns so lange begleitet hast,
es war ein Glück, dich noch einmal getroffen zu haben.“
Sie verlassen den Raum durch eine Tür,
die ihnen ein müder Krieg geöffnet hat.
Sein ermunterndes Kopfnicken
ist schlechtes Theater, er freut sich nicht,
denn sein letzter Job
wird nicht den gewohnten Verlauf nehmen.
Dieses Mal wird es nur Verlierer geben.
Ich bleibe zurück, weil ich nicht weiß,
wohin ich gehen soll.
Ich werde warten,
bis ich wieder gebraucht werde.
Es wird länger dauern.
Ich werde von der Stärke der Natur abhängig sein.
Wie lange wird sie standhalten?
Den Krieg will ich nie mehr wiedersehen.

Durch das Fenster scheint schwach die Sonne
des langsam verlöschenden Tages.
Wir sind alle erschöpft und wissen, dass etwas zu Ende geht.
Die Hoffnung grüßt im Abendlicht,
es heißt, sie würde zuletzt sterben.
Sie wird ein Plätzchen finden und warten, was passiert.
Sie hat Hoffnung – immer noch.
Das ist ihr Job. Soloselbstständig.
Wir warten. Leiden.
Doch die meisten warten.

© 2026, Jörg Reinhardt

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