HILFLOSER  GLAUBEN

Neben dem Eingang,
seitlich versetzt hinter dem Taufbecken,
stand ein kleiner Holztisch.
Massives Holz, gezeichnet vom Alter
mit unzähligen Wachsresten übersät.
Darauf ein primitiv zusammengebautes
Metallgestell, für drei Reihen Kerzenhalter,
jeweils zehn Kerzen.
Am oberen Rand des Tisches eine kleine
Holzkasse, die jedes Mal, wenn ein
Geldstück darin verschwand,
einen dumpfen Klingelton erzeugte.

An diesem Vormittag waren wir die Einzigen
in der kleinen Kapelle. Ich machte Fotos
vom Altar für einen Artikel und wollte
die Kirche verlassen, als ein alter Mann
zielstrebig auf den Tisch mit den Kerzen zuging.
Irgendetwas ließ mich bei seinem Anblick innehalten.
Er stand eine Weile vor dem Tisch
und schien nachzudenken. Sah dann zur mir herüber.
Er kramte kurz in seiner Manteltasche und
steckte ein paar Münzen in die Kassenbox,
entzündete ein Streichholz und ließ es,
ohne eine Kerze auch nur zu berühren,
einfach abbrennen.
Zwischendurch sah er immer wieder zu mir,
als wartete er auf ein Signal, eine Aufforderung.
Nach dem vierten, abgebrannten Zündholz
machte ich eine ermunternde Geste,
doch er schüttelte den Kopf.
Also fragte ich ihn, was denn los sei.
Er legte die Zündholzschachtel neben die Kassenbox
und sagte leise: „Ich glaube nicht. Dafür schäme ich mich.
Ich wollte eine Kerze anzünden, um meine Hilflosigkeit zu zeigen..“
Wir sahen uns einen Moment in die Augen.
Meine Ratlosigkeit traf seine Hilflosigkeit.

Dann ging er zum Ausgang.
Er drehte sich noch einmal um,
sah zum Altar und es schien,
als würde er sich verbeugen.

Als langsam die Tür ins Schloss fiel,
zündete ich zwei Kerzen an.



© 2026, Jörg Reinhardt

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